
Gymnasiale Selektion: Meritokratie, Chancengerechtigkeit und KI
Die Schweizer Gymnasiallandschaft erlebt immer wieder intensive Debatten über Aufnahmeverfahren. Im Zentrum steht momentan der Kanton Zug: Zwar beschloss der Bildungsrat 2024 ein neues Übertrittsverfahren mit zusätzlichem Prüfungselement unter Vorbehalt, politisch setzte sich jedoch 2025 ein Kompromiss durch. Der Übertritt ans Langzeitgymnasium bleibt prüfungsfrei; eingeführt werden stattdessen standardisierte kantonale Leistungstests in Deutsch und Mathematik. Diese Entwicklungen werfen grundlegende Fragen auf: Welches Aufnahmesystem ist gerechter: Prüfung oder Noten? Und können KI-gestützte Lernplattformen wie GoGymi tatsächlich zur Chancengleichheit beitragen?
Der Zuger Präzedenzfall: Ein Kanton im Aufruhr

Der Kanton Zug stand 2024 vor einer Kursänderung: Der Bildungsrat beschloss im November 2024 eine Totalrevision des Übertrittsreglements fürs Langzeitgymnasium mit drei Elementen (Vornoten, Lehrpersonenempfehlung und ein zusätzliches, standardisiertes Prüfungselement). Dieser Beschluss war ausdrücklich vorbehalten – abhängig vom weiteren politischen Prozess rund um die Gesetzesinitiative für einen prüfungsfreien Übertritt (Bildungsrat Kanton Zug, 2024).
2025 entschied der Kantonsrat dann einen Kompromiss: Der Übertritt ans Gymnasium bleibt prüfungsfrei; gleichzeitig werden die Leistungsbeurteilungen durch regelmässige, kantonal einheitliche Leistungstests in Deutsch und Mathematik stärker «geeicht». Die Initiativkommission zog die Initiative nach dem Parlamentsentscheid zurück und ein Referendum gegen den Gegenvorschlag wurde bis zum 9. Dezember 2025 nicht ergriffen. Damit ist der politische Entscheid definitiv, die Umsetzung läuft an.
Bildungsdirektor Stephan Schleiss (SVP) hatte argumentiert, ein neues System sei notwendig, um die Sekundarschule zu stärken und den «Referenzgruppeneffekt» zu bekämpfen – das Phänomen, dass Schüler in objektiv schwächeren Klassen höhere Noten erhalten als gleich fähige Schüler in stärkeren Klassen. Die Zuweisungsquote ins Langzeitgymnasium lag 2024 kantonal bei 23,4%. In einzelnen Gemeinden ist sie deutlich höher; im Verfahren 2025 wird für die Gemeinde Zug eine Zuweisungsquote von 37,9% ausgewiesen (Zuger Zeitung, 2023; Zuger Zeitung, 2024c). Die Regierung fürchtete eine Aushöhlung der Berufsbildung und verwies auf sinkende Lehrlingszahlen, besonders bei Mädchen. Der Regierungsrat bezifferte die jährlichen Kosten des vom Bildungsrat vorgeschlagenen neuen Übertrittsverfahrens (mit Test/Prüfungselement) auf rund CHF 445'000 (Bildungsrat Kanton Zug, 2024). Für die später beschlossenen Leistungstests variieren Kosten und Umsetzung je nach Ausgestaltung; im Kommissionsbericht wird erwähnt, dass finanzielle Auswirkungen erst mit dem Umsetzungsbeschluss bezifferbar seien.

Die Gegenseite konterte mit harten Fakten: Zuger Maturanden schneiden schweizweit ausgezeichnet ab, sogar besser als Zürcher Studierende. Die Abbruchquoten sind tief und Primarschullehrpersonen kennen ihre Schülerinnen und Schüler über Jahre hinweg besser als jede Momentaufnahme. «Das ist fast schon ein Armutszeugnis. Der Rat sollte doch die Weichen in der Bildung stellen», kritisierte Vroni Straub-Müller (CSP), Co-Präsidentin des Initiativkomitees (Zuger Zeitung, 2024b). In der politischen Debatte und in Rückmeldungen aus Gemeinden und Bildungsakteuren wurde das geplante Prüfungselement stark kritisiert; ein Kernargument war, dass zusätzliche Tests/Prüfungen sozialen Druck erhöhen und Ungleichheiten verstärken könnten. Ihre Befürchtung: Prüfungen verstärken soziale Ungleichheit, da wohlhabende Familien sich teure Vorbereitungskurse (CHF 6'000+) leisten können (Watson, 2023a).
Der Ausgang hat gleichwohl Signalwirkung für die ganze Schweiz: Die Zuger Entscheidung zeigt, dass der prüfungsfreie Weg politisch breit abgestützt bleibt, gleichzeitig aber der Ruf nach mehr Standardisierung und Vergleichbarkeit nicht ungehört verhallt.
Zürich: Sinkende Erfolgsquoten trotz Reformen

Im Kanton Zürich, dem grössten Prüfungskanton, absolvierten im März 2025 insgesamt 8'695 Schülerinnen und Schüler die ZAP 1 und 2 für das Gymnasium (Kanton Zürich, 2025). Die Erfolgsquote sank auf 47,5% (2023: 49,6%). Für das Langzeitgymnasium lag sie bei 53,6%, für das Kurzzeitgymnasium bei nur 39,3%. Die stabile Gymiquote von rund 14,8-15% verschleiert jedoch dramatische regionale Unterschiede: Im wohlhabenden Bezirk Meilen versuchen 40,5% die Prüfung, wovon 53,1% bestehen. Im ländlichen Bezirk Andelfingen hingegen wagen nur 12,2% den Schritt, erreichen aber eine Erfolgsquote von 52%.
Die 2022-Reform im Kanton Zürich hat das System grundlegend verändert. Seit August 2022 werden nur noch zwei Fächer geprüft – Deutsch (Aufsatz und Sprachbetrachtung) und Mathematik. Französisch wurde als Prüfungsfach gestrichen. Zudem flossen erstmals beim Kurzgymnasium die Vornoten zu 50% ein, was die Abhängigkeit von der Tagesform reduzieren soll. Die Bestehensgrenze wurde von 4.5 auf 4.75 erhöht (mit Vornoten), wobei gleichzeitig die Bewertungsskala der Prüfung angepasst wurde, sodass gleiche Leistungen künftig höher benotet werden (NZZ, 2021). Mündliche Prüfungen wurden ebenfalls abgeschafft (Kanton Zürich, 2022).

Die Universität Zürich evaluiert diese Reformen wissenschaftlich; die Evaluation ist noch nicht abgeschlossen und umfasst deutlich mehr als die Analyse von Probezeitdaten. Unabhängig davon zeigt die Probezeitstatistik des Kantons: 92,8% der zugelassenen Langgymnasiasten bestehen die Probezeit (Kurzgymnasium: 88,8%) (Kanton Zürich, Probezeitstatistik). Die ZAP-Statistik 2025 weist im Detail aus: Beim Langgymnasium traten 4'562 Kandidaten an (53,6% Erfolgsquote), beim Kurzgymnasium 4'133 (39,3%). Bei der Fachmittelschule bestanden 56,5% von 1'199 Kandidaten, bei der Berufsmaturität BM1 sogar 74,2% von 2'046 Kandidaten – ein deutlicher Anstieg gegenüber 65,2% im Vorjahr (Kanton Zürich, ZAP-Statistik 2025). Kritiker wie Prof. Margrit Stamm halten dagegen: «Das Gymnasium ist in den vergangenen Jahren zu einem Hype geworden» und warnen vor einer Nachhilfeindustrie, die Chancengleichheit untergrabe (SRF, 2024a).
26 Kantone, 26 Systeme: Der Schweizer Bildungsföderalismus

Die Schweiz kennt drei Hauptmodelle für den Gymnasiumzugang, die zu dramatisch unterschiedlichen Gymiquoten führen – von 12,7% (St. Gallen) bis 48,6% (Genf im Jahr 2018) (Watson, 2024). Wichtig ist dabei: Diese Unterschiede sind nicht allein Ergebnis der Selektionsverfahren. Sie widerspiegeln auch unterschiedliche Bildungskulturen: In den französischsprachigen und urbanen Kantonen (Genf, Basel-Stadt) werden allgemeinbildende Wege von Bevölkerung und Politik traditionell höher gewichtet als berufliche; Eltern und Kinder aspirieren häufiger das Gymnasium, und die Politik bietet entsprechend mehr Plätze an. In ländlichen Regionen hingegen geniesst die Berufslehre hohes Ansehen, das Angebot an Ausbildungsplätzen in Betrieben ist grösser, und Eltern wie Lehrpersonen streben für die meisten Kinder eine Berufslehre an (Leemann, 2026).
Obligatorische Prüfungssysteme (9 Kantone):
Zürich, Thurgau, Schwyz, St. Gallen, Schaffhausen, Graubünden, Glarus, beide Appenzell.
Diese Kantone östlich der Reuss setzen auf schriftliche Aufnahmeprüfungen in Deutsch, Mathematik und teils Fremdsprachen. Sie weisen generell tiefere Gymiquoten auf, aber auch bessere Universitätsleistungen: Gemäss Bildungsbericht 2018 liegen in Prüfungskantonen weniger als 5% der Gymnasiasten unter dem erforderlichen PISA-Kompetenzniveau, in Notenkantonen sind es über 25% (Eberle, 2022).
Notenbasierte Systeme (15 Kantone):
Bern, beide Basel, Jura, Neuenburg, Luzern, Nidwalden, Obwalden, Solothurn, Tessin, Uri, Wallis, Waadt, Aargau, Zug, Freiburg, Genf.
Hier entscheiden Vornoten und Lehrerempfehlungen. Die Gymiquoten sind deutlich höher, aber auch die Abbruchraten: In Genf brechen rund 50% der Eingetretenen das Gymnasium ab, im Tessin über 40% (NZZ, 2017a).
Mischsysteme (4+ Kantone):
Aargau, Bern, Freiburg, Basel-Stadt, Solothurn bieten primär notenbasierten Zugang, aber eine freiwillige Prüfung als Alternative.
Die Dreiteilung in «Noten», «Prüfung» und «Mischsystem» erfasst die Realität allerdings nur unvollständig: Notenbasierte Systeme beinhalten in der Regel einen Ermessensspielraum der Lehrperson und beziehen auch überfachliche Kompetenzen ein (Selbständigkeit, Belastbarkeit, Regelverhalten). Prüfungssysteme wiederum integrieren häufig Vornoten aus der abgebenden Schule. Die realen Verfahren sind somit komplexer als die gängige Dichotomie vermuten lässt (Leemann, 2026).
Eine Langzeitstudie der Universität St. Gallen (Hoidn & Schultheis, 2017) basierend auf 5'914 Datensätzen (2003–2012) zeigt: Studierende aus Kantonen mit hoher Gymiquote weisen im Assessmentjahr einen statistisch signifikant tieferen Notenschnitt (GPA) auf (minus 0,27 Punkte). Bildungsökonom Prof. Stefan Wolter formuliert es zugespitzt: «Die soziale Ungerechtigkeit scheint in Systemen ohne Prüfung eher grösser als kleiner zu sein» (Der Bund, 2018). Der Grund: Akademikereltern können in notenbasierten Systemen ihren Einfluss besser geltend machen, während Prüfungen einen objektiveren Standard bieten.
Entscheidend ist: Keines der Systeme ist «neutral». Eine SNF-geförderte Governance-Studie von Hafner, Esposito und Leemann (2022) zeigt anhand zweier anonymisierter Kantone, dass beide Systemtypen aktiv auf politisch gewünschte Maximalquoten hinsteuern. Im Notenkanton geschieht dies durch engmaschiges Monitoring der Zuweisungsquoten pro Gemeinde – inklusive «Naming and Shaming» von Schulkreisen mit hohen Übertrittsraten. Im Prüfungskanton wird die Bewertungsskala der Aufnahmeprüfung nach deren Durchführung so justiert, dass die Bestehensquote die inoffizielle Zielquote nicht überschreitet. Ein Statistiker berechnet die resultierende Quote; liegt sie zu hoch, werden die Punktegrenzen angehoben. Die Prüfung misst somit nicht einfach Leistung, sondern wird zum Steuerungsinstrument der Bildungspolitik (Hafner et al., 2022).
Die soziale Dimension: Wer schafft es ans Gymnasium?

Die Forschung ist eindeutig: Kinder aus der obersten sozioökonomischen Schicht haben eine 20 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit, eine Universität zu besuchen, als Kinder aus der untersten Schicht – selbst bei identischen Schulnoten, gleicher Schulstufe und gleichen PISA-Resultaten (Combet, 2021). Ohne diese Kontrollen beträgt der Unterschied 34 Prozentpunkte.
Der SKBF-Trendbericht Nr. 9 (2005) «Chancengerechtigkeit im schweizerischen Bildungswesen» dokumentiert, dass sozioökonomischer Status und Migrationshintergrund die Wahrscheinlichkeit, einem höheren Schultyp zugewiesen zu werden, unabhängig von der Leseleistung signifikant beeinflussen (SKBF, 2005). Eine Studie von Haeberlin, Imdorf und Kronig (2004) mit 1'367 Sechstklässlern zeigt das Ausmass der Diskriminierung: Bei durchschnittlicher Leistung erhält ein Schweizer Mädchen mit 83% Wahrscheinlichkeit eine Empfehlung fürs Gymnasium, ein Junge mit Migrationshintergrund aber nur mit 37% Wahrscheinlichkeit (zitiert in SJER, 2016).
Dass sich an diesen Verzerrungen seither wenig geändert hat, belegt eine aktuelle Studie von Oggenfuss und Wolter (2025) mit drei vollständigen Kohorten der 8. Klasse im Kanton Basel-Stadt: Mädchen erhalten im Fach Deutsch bei identischer Leistung in standardisierten Tests systematisch bessere Noten als Jungen, ebenso werden Kinder mit der Unterrichtssprache als Erstsprache besser benotet als Kinder mit Migrationshintergrund. Zudem zeigt sich ein starker «Grading on a curve»-Effekt – Schülerinnen und Schüler in leistungsstarken Klassen werden bei gleicher individueller Leistung schlechter benotet. Besonders beunruhigend: Diese Verzerrungen bleiben auch dann konstant, wenn Lehrpersonen die Ergebnisse externer Tests kennen (Oggenfuss & Wolter, 2025).
Auch die geografische Herkunft spielt eine massive Rolle. In Zürichs Goldküste (2014-2017) erreichten fast 50% die gymnasiale Matura, im ländlichen Fischenthal nur einer von 30. Dies ist ein Faktor von 15 innerhalb desselben Kantons (NZZb, 2024). Prof. Benita Combet (Uni Bern) urteilt: «Die Gymiprüfung dient primär der sozialen, nicht der kognitiven Selektion» (ZS Online, 2023).
Dass diese regionalen Unterschiede nicht nur innerhalb, sondern auch zwischen den Kantonen die soziale Ungleichheit verschärfen, zeigt eine Studie von Leemann, Pfeifer Brändli und Imdorf (2022/2023) auf Basis der Längsschnittdaten des Bundesamtes für Statistik (LABB). Die Eintrittswahrscheinlichkeit ins Gymnasium beträgt für Jugendliche aus Akademikerfamilien 44%, aus Familien mit mittlerer Bildung 22% und aus Familien mit obligatorischer Bildung nur 15%. Kontraintuitiv zeigt sich: Wenn Kantone mehr Gymnasialplätze anbieten, profitieren zunächst vor allem die privilegierten Familien – die soziale Schere öffnet sich. Erst ab einer Gymiquote von 30–40% einer Kohorte beginnt sich die Ungleichheit wieder zu verringern, weil dann die Nachfrage der Akademikerfamilien «gesättigt» ist und weniger privilegierte Familien zum Zug kommen. Die Autorinnen und Autoren deuten dies im Sinne der Theorie der «Maximally Maintained Inequality»: Solange die oberen Schichten ihre Nachfrage nicht gedeckt haben, verschärft ein Ausbau der Plätze die Ungleichheit eher, als dass er sie verringert. Das Gymnasium dient damit, so die Studie, «hauptsächlich als Ort für die soziale Reproduktion von Akademikerfamilien» (Leemann et al., 2022/2023).
Welches Aufnahmesystem verstärkt diese Ungleichheit stärker? Die Antwort ist ernüchternd: Beide. Prof. Regula Leemann (PH FHNW) stellt fest: «Es gibt KEINE Evidenz oder verlässlichen Resultate, welches Verfahren zu mehr oder weniger Ungleichheit führt» (SRF, 2020). Prüfungssysteme begünstigen Familien, die sich teure Vorbereitungskurse leisten können. Notensysteme begünstigen Akademikereltern, die ihre Einflussmöglichkeiten besser nutzen und Lehrpersonen stärker unter Druck setzen können. Hinzu kommt ein oft übersehener Mechanismus: In Prüfungssystemen findet eine Selbstselektion statt – wer wagt es überhaupt, sich für die Prüfung anzumelden? Kinder aus bildungsfernen Familien treten häufiger gar nicht erst an, selbst wenn sie das Potenzial hätten. In Notensystemen hingegen informiert die Lehrperson die Eltern aktiv über die Möglichkeiten, die aufgrund von Noten und Einschätzung vorliegen – der Impuls kommt also von der Schule, nicht von der Familie (Leemann, 2026). Eine Berner Studie zeigt: 37% erreichen das Gymnasium über die Prüfung, obwohl sie keine Lehrerempfehlung hatten – ein Hinweis auf erhebliche Fehleinschätzungen (Der Bund, 2018).
Die Rolle der Vorbereitungsindustrie

Die Nachhilfe- und Vorbereitungsindustrie ist zu einem zentralen Faktor geworden. Rund 34% der Schweizer Jugendlichen (8./9. Klasse) nutzen bezahlte Nachhilfe für den Übertritt in die Sekundarstufe II (PISA 2012, berichtet in Hof & Wolter, 2014)), insbesondere fürs Gymnasium und sie kommen überproportional aus privilegierten Elternhäusern (Chancengerechtigkeit.ch, 2024). In Zürich kostet ein semesterlanges Vorbereitungspaket bei etablierten Anbietern wie LearningCulture, Gymivorbereitung Zürich (GVZH) oder Logos Lehrerteam zwischen CHF 2'500 und 4'000. Private Einzelnachhilfe schlägt mit CHF 50-80 pro 45 Minuten zu Buche (LearningInstitute, 2024). Familien, die umfassende Vorbereitung wünschen, investieren leicht CHF 5'000-8'000 (Watson, 2023a).
Die Branche boomt. Perspectiva Nova, ein Anbieter von Hausunterricht für CHF 6'160 (22-Wochen-Kurs), meldete 2024 eine Verdoppelung der Anmeldungen gegenüber dem Vorjahr und damals bereits Buchungen für die Prüfungen 2025 und 2026. Geschäftsführer Elisha Jay Fringer wird in der Presse mit den Worten zitiert: «Ohne einen guten Vorbereitungskurs ist die Aufnahmeprüfung eigentlich nicht zu schaffen» (Watson, 2023a).
Doch helfen diese Kurse tatsächlich? Eine Studie von Franz Eberle zum Kanton Graubünden kommt zum differenzierten Schluss: «Die generelle Hypothese, dass der Prüfungserfolg von Vorbereitungskursen abhängt, ist in dieser Absolutheit nicht haltbar» (Eberle, 2022). Der Erfolg hänge letztlich von den Fähigkeiten und der Motivation der Kandidaten ab. Nur Schüler, die überhaupt keine Hilfe erhielten (auch nicht von Eltern oder Lehrpersonen), hatten deutlich geringere Chancen – aber das betraf nur 21 von 492 untersuchten Kandidaten. Allerdings räumt Eberle ein: «Im Kanton Zürich sind die Verhältnisse andere», da die Konkurrenz viel grösser und die Plätze limitiert seien.
Prof. Stefan Wolter formuliert drastisch: «Nachhilfe ist Doping» (Watson, 2018). Kinder, die nur dank Nachhilfe ins Gymnasium kämen, scheiterten später oft in der Probezeit oder müssten repetieren. Eine Studie von Hans-Ulrich Grunder (PH FHNW) mit 10'700 Fünft- bis Neuntklässlern bestätigt: «Nachhilfe hilft kaum» – temporär mögen sich Noten verbessern, nachhaltig sei der Effekt aber nicht ohne erneute Unterstützung (WirEltern, 2024).
Franz Eberle und die Expertenmeinungen

Prof. Franz Eberle, emeritierter Professor für Gymnasial- und Wirtschaftspädagogik der Universität Zürich (früher Lehrer an der Kantonsschule Zug), ist der meistzitierte Experte in der aktuellen Debatte. Seine Graubünden-Studie 2021-2022 liefert die wissenschaftlich fundierteste Grundlage für Aufnahmeentscheidungen (Eberle, 2022).
Eberles zentrale Empfehlung:
Ein kombiniertes System aus Aufnahmeprüfung und Vornoten schafft die fairsten Selektionsbedingungen. Dies reduziere die Abhängigkeit von der Tagesform und biete einen objektiven Massstab, ohne die längerfristige Schulleistung zu ignorieren. Notensysteme seien anfällig für Klassenunterschiede und Elterndruck; reine Prüfungssysteme zu sehr von einem einzigen Tag abhängig (Gymnasium Helveticum, 2025).
Eberle räumt allerdings ein: «Herkunftseffekte lassen sich mit keinem der üblichen Aufnahmeverfahren eliminieren.» Sowohl primäre Effekte (z.B. bessere Unterstützung durch gebildete Eltern) als auch sekundäre Effekte (z.B. unbewusste Bevorzugung durch Lehrpersonen) bestehen in allen Systemen fort (Eberle, 2022).
In der Debatte um das Langzeitgymnasium nimmt Eberle eine differenziertere Position ein als viele Kritiker. In einem Beitrag im Gymnasium Helveticum (Eberle, 2026) analysiert er die Befundlage systematisch und kommt zum Schluss, dass das Langgymnasium «eine berechtigte Form der Förderung besonders leistungsfähiger Lernender» sei. Seine Argumentation stützt sich auf EVAMAR-II-Daten: Im Kanton Zürich schneiden Langgymnasiasten am Ende des Gymnasiums in Erstsprache, Mathematik, Biologie und überfachlichen Fähigkeitstests signifikant besser ab als vergleichbare Kurzgymnasiasten – bei mittlerer Effektstärke (Cohens d = 0.31–0.42), obwohl beide Gruppen in den letzten vier Jahren gleich viele Unterrichtsstunden hatten (Eberle et al., 2008). Eberle erklärt dies mit Kompositionseffekten (leistungshomogene Klassen ermöglichen effizienteren Kompetenzerwerb) und Institutionseffekten (gymnasiale Lehrpläne und fachlich spezialisierte Lehrpersonen bereits ab der 7. Klasse).
Gleichzeitig ist die soziale Selektivität des Langgymnasiums unbestritten: In Graubünden etwa haben 65,1% der Langgymnasiasten Akademikereltern, gegenüber 48,5% beim Kurzgymnasium (Eberle, 2022). Eberle betont jedoch, dass der ergänzende Zugang über das Kurzgymnasium nach der 2. oder 3. Sekundarklasse «glättend» wirke und die Gesamtbilanz differenzierter sei, als Studien zur Sekundarstufe I allein nahelegen. Combet (2019) bestätigt: Eine erhöhte soziale Selektivität durch das Untergymnasium lässt sich nur in einem von zwei untersuchten Langgymnasium-Kantonen nachweisen. Eberles Fazit: Die soziale Segregation im Untergymnasium ist der Hauptnachteil des Langgymnasiums, muss aber «in einer Abwägung der Vor- und Nachteile hingenommen werden» – sofern Gelingensbedingungen eingehalten werden, darunter hohe Leistungsanforderungen, gymnasiale Curricula ab der 7. Klasse und echte Durchlässigkeit (Eberle, 2026).
Gymnasiale Selektion: Meritokratie, Chancengerechtigkeit und KI

Prof. Elsbeth Stern (ETH Zürich), Lernforscherin, vertritt eine kontroverse Position: Sie fordert IQ-Tests als Ergänzung zu Aufnahmeprüfungen. Ihre Studien zeigen, dass 45% der Schweizer Gymnasiasten den IQ-Schwellenwert von 112 (oberste 20%) nicht erreichen, einzelne sogar IQ 80 aufweisen. «Rund 30 Prozent der Kinder im Gymnasium gehören nicht dahin», so Stern (NZZ, 2021; Tages-Anzeiger, 2019). Gleichzeitig kritisiert sie, dass intelligente Kinder aus sozial schwachen Schichten zu selten ans Gymnasium gelangen. Ihre Lösung: Alle Kinder mit guten Primarschulnoten sollten staatlich finanzierte Vorbereitung durch ausgebildete Lehrpersonen erhalten, kommerzielle Vorbereitungskurse abgeschafft werden (Fritz+Fränzi, 2014).
Prof. Urs Moser (Uni Zürich), Direktor des Instituts für Bildungsevaluation, nimmt eine kontextabhängige Position ein: In Kantonen mit hohem Elterndruck (wie Zürich) diene die Prüfung als wichtiger «ausgleichender Faktor zum elterlichen Powerplay». In der Zentralschweiz hingegen funktionierten Lehrerempfehlungen gut (NZZ, 2024). Seine 2009-AKF-Teststudie zeigt: Intelligenz sei keine unveränderliche Grösse, sondern werde von Geburt an beeinflusst – weshalb frühe Förderung entscheidender sei als Selektionsmechanismen.
Bildungsökonom Prof. Stefan Wolter plädiert für standardisierte, extern gestaltete, anonym absolvierte Aufnahmeprüfungen in Kombination mit Vornoten. Systeme, in denen nur Noten und Lehrerempfehlungen entscheiden, sieht er kritisch: «Hier ist die Gefahr gross, dass die Lehrperson – bewusst oder unbewusst – von der sozialen Herkunft beeinflusst wird» (Watson, 2018). Seine repräsentativen Befragungen zeigen: Eine grosse Mehrheit der Bevölkerung wünscht Prüfungen als Zutrittskriterium – mit Ausnahme von Akademikerinnen und Akademikern.
KI-gestützte Lernplattformen: Demokratisierung oder neues Privileg?

Die Rolle von KI-gestützten Lernplattformen bei der Gymiprüfungsvorbereitung ist eine der spannendsten aktuellen Entwicklungen. GoGymi, 2016 von Jan Bühlmann (Autor dieses Artikels) gegründet, ist die führende Schweizer KI-Plattform speziell für die Zürcher Gymiprüfung (Tages Anzeiger, 2025).
Verspricht dies Chancengleichheit? Wir positionieren GoGymi explizit als Tool für «Chancengerechtigkeit» und fokussieren die Standardisierung von Lernmaterialien, die bisher zwischen Schulen stark variierten und Schüler in unter-ressourcierten Schulen benachteiligten. Der 24/7-Zugang zu KI-Tutoren könne Kindern helfen, deren Eltern sich keine Privatnachhilfe leisten können oder keine Zeit haben, bei Hausaufgaben zu unterstützen (nau.ch, 2023).
Mittlerweile hat sich GoGymi als fester Bestandteil der öffentlichen Gymivorbereitung etabliert. Die Plattform arbeitet offiziell mit über 100 öffentlichen Schulen zusammen, die GoGymi in ihren Vorbereitungskursen einsetzen. Damit erreicht die KI-gestützte Lernplattform auch Schülerinnen und Schüler, deren Familien sich private Vorbereitungskurse nicht leisten könnten. Zusätzlich bietet GoGymi ein Stipendienprogramm an, das einkommensschwachen Schüler:innen sowie Schulen mit QUIMS-Status (Qualität in multikulturellen Schulen) erlaubt, die Plattform kostenfrei zu nutzen.
Doch es gibt auch kritische Stimmen: Bildungsforscher Marc Eyer (PH Bern) warnt, grosse Technologiekonzerne im Bildungsbereich priorisierten «Bildschirmzeit, Datensammlung und Umsatz» über tatsächliche Lernergebnisse. Wolfgang Spahn (PH Bern) stellt fest, aktuelle KI-Anwendungen könnten «noch nicht Lernende bilden» – wirklich bildende KI-Tutoren seien «Zukunftstechnologie» (SRF, 2024b).
Die fundamentale Gerechtigkeitsfrage bleibt ungelöst: Während GoGymi mit rund 95% Kostenreduktion gegenüber traditionellen Kursen ein verlockendes Angebot macht, nutzen wohlhabende Familien die Plattform zusätzlich zu teuren Privatstunden und verstärken damit ihren Vorteil. Benachteiligte Familien hingegen fehlen möglicherweise Geräte, Internetverbindung, digitale Kompetenz oder die ergänzende Unterstützung, um KI-Tools effektiv zu nutzen.
Alternative Ansätze existieren und werden zunehmend mit digitalen Tools kombiniert: Der Verein Chance Wiedikon bietet kostenlose Vorbereitungskurse gezielt für Kinder aus Migrations- und einkommensschwachen Familien in spezifischen Zürcher Quartieren – und nutzt dabei ebenfalls GoGymi kostenfrei im Rahmen des Stipendienprogramms. Das QUIMS-Programm unterstützt 119 Schulen mit über 40% Migrantenanteil (Limmattaler Zeitung, 2019). Im Juli 2023 reichten drei Kantonsrätinnen (Jacqueline Peter-SP, Sabine Wettstein-FDP, Corinne Thomet-Die Mitte) eine formelle Anfrage zur Bildungsgerechtigkeit ein und erwägen obligatorische kostenlose Vorbereitungskurse an allen Schulen.
Prof. Regula Leemann bringt es auf den Punkt: «Man müsste die Prüfungsindustrie demokratisieren, d.h. diese private Vorbereitung auf Aufnahmeprüfungen zugänglich machen für alle» (SRF, 2020). Die Kombination aus öffentlichen Partnerschaften, Stipendienprogrammen und gemeinnützigen Initiativen wie Chance Wiedikon zeigt erste Ansätze in diese Richtung.

Die Stadt Zürich geht hier vorbildlich voran: Im April 2024 hat das Schulamt erstmals verbindliche «Städtische Standards zu den Prüfungsvorbereitungskursen für die Maturitätsschulen» veröffentlicht (Stadt Zürich, 2024). Die Volksschule der Stadt bietet seither flächendeckend kostenlose Vorbereitungskurse für die ZAP an und dies mit klaren Vorgaben: mindestens 40 Lektionen in Deutsch und Mathematik, Gruppengrössen von maximal 12 Schülerinnen und Schülern, Start spätestens nach den Herbstferien. Zugelassen werden Kinder mit einem Notendurchschnitt ab 5.0 oder aufgrund einer prognostischen Beurteilung durch zwei Lehrpersonen. Besonders bemerkenswert: Eltern von Kindern mit hohem Potenzial, die sich nicht selbst anmelden, sollen von den Lehrpersonen aktiv angesprochen werden – ein gezielter Schritt gegen die «stille Selbstselektion» bildungsferner Familien. Im Rahmen dieser schulischen Vorbereitungskurse finanziert die Stadt Zürich den Schulen auch GoGymi als standardisierendes digitales Lehrmittel.
Der Kanton Zürich hingegen überlässt die Finanzierung der Vorbereitungskurse den Gemeinden. Ob und in welchem Umfang Kurse angeboten werden, variiert daher je nach Gemeinde erheblich. Die Stadt Zürich zeigt, was möglich ist, wenn eine Gemeinde Chancengerechtigkeit zur Priorität macht – doch von einer kantonal einheitlichen Lösung ist man noch weit entfernt. Ob das Modell – standardisierte öffentliche Vorbereitungskurse kombiniert mit digitalen KI-Plattformen – tatsächlich zur Reduktion sozialer Ungleichheiten beiträgt, wird die wissenschaftliche Begleitung durch die Universität Bern in den kommenden Jahren zeigen.
Ausblick: Wohin steuert die Schweizer Gymnasiallandschaft?

Die Debatte um Gymnasium-Aufnahmeverfahren wird die Schweizer Bildungspolitik auch 2026 und darüber hinaus prägen.
Drei zentrale Entwicklungen zeichnen sich ab:
Erstens die Zug-Entscheidung als Präzedenzfall. Der Zuger Kompromiss – prüfungsfreier Übertritt kombiniert mit standardisierten Leistungstests – könnte zum Modell für andere notenbasierte Kantone werden, die ebenfalls mehr Vergleichbarkeit anstreben, ohne Aufnahmeprüfungen einzuführen. Der Entscheid signalisiert: Vertrauen in Lehrpersonen und kontinuierliche Beurteilung haben politisch breite Unterstützung, ergänzt durch den Ruf nach kantonaler Standardisierung (NZZ, 2024a).
Zweitens die fortschreitende Digitalisierung und KI-Integration. Die wissenschaftliche Evaluation von Plattformen wie GoGymi wird zeigen, ob KI-Tutoren tatsächlich Lernen fördern oder nur Scheinaktivität erzeugen. Die Uni Bern, PH Bern und PH Zürich erforschen intensiv, wie KI im Klassenzimmer sinnvoll eingesetzt werden kann (PH Zürich, 2024). Entscheidend wird sein, ob digitale Tools zur Demokratisierung oder zur Vertiefung bestehender Ungleichheiten beitragen.
Drittens die kontroverse Debatte um den Selektionszeitpunkt. Prof. Stefan Wolter vertritt eine klare Position: «Die Forschungsliteratur lässt keinen Zweifel daran, dass Schülerinnen und Schüler bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit in durchmischten Klassen bleiben sollten. Das Langzeitgymnasium schadet der Chancengleichheit eher» (Watson, 2018). Forschung aus Skandinavien stützt dies: Spätere Selektion (nach Klasse 9 statt 6) reduziert soziale Ungleichheit signifikant. Der Verband Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz (VSLCH) fordert genau dies.
Franz Eberle hingegen kommt in seiner jüngsten Analyse (Eberle, 2026) zu einem differenzierteren Schluss: Das Langgymnasium generiere einen nachweisbaren Bildungsmehrwert für leistungsstarke Schülerinnen und Schüler, ohne die Situation der Leistungsschwächeren nachweislich zu verschlechtern. Die soziale Segregation sei der Hauptnachteil, müsse aber gegen den Bildungsmehrwert abgewogen werden – eine normativ-politische, keine rein wissenschaftliche Entscheidung. Zuletzt wurde 2025 im Zürcher Kantonsrat eine Motion zur Abschaffung des Langgymnasiums klar abgelehnt – die politischen Mehrheiten bleiben stabil.
Diese Kontroverse zeigt: Empirisch ist die Befundlage weitgehend eindeutig – frühe Selektion verstärkt den Einfluss des Elternhauses auf den Bildungsweg. PAllerdings sind die 26 kantonalen Systeme in ihren Bildungskulturen, Zugangsregeln, Angeboten an Ausbildungsplätzen und Selektionsverfahren so unterschiedlich (und zudem laufend in Bewegung), dass es kaum möglich ist, ein Forschungsdesign zu entwerfen, das alle relevanten Faktoren kontrolliert. Nicht zuletzt fehlen hierzu auch die Daten. Wenn Stefan Wolter für die Prüfung als gerechteres System plädiert, handelt es sich deshalb eher um eine Hypothese als um einen gesicherten Befund – zumal er selbst zeigt, dass private Prüfungsvorbereitung der Vorstellung von Gerechtigkeit bei einer standardisierten Prüfung in die Quere spielt (Leemann, 2026). Befürworter früher Selektion verweisen demgegenüber auf den messbaren Fördereffekt für leistungsstarke Schülerinnen und Schüler (Eberle, 2026). Es bleibt somit eine politische Abwägung zwischen optimaler Förderung und sozialer Kohäsion.
Regula Leemann plädiert für einen pragmatischen Weg: Um ein Kind bezüglich seines Bildungsweges möglichst gut einzuschätzen, solle es breit beurteilt werden – nicht nur einmalig und bezüglich enger fachlicher Leistungen, sondern auch mit Blick auf überfachliche Kompetenzen und Interessen. Das Verfahren solle auf einem Mix aus Standardisierung und auf Erfahrung von Lehrpersonen beruhenden Einschätzungen basieren. Da der Versuch der Beeinflussung durch gewisse Elterngruppen eine reale Problematik sei, müssten Lehrpersonen in ihren Entscheidungen durch die Verfahren unterstützt und geschützt werden – etwa durch kantonale Vergleichstests.
Harmonisierung bleibt jedoch in weiter Ferne. Die EDK (Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren) diskutierte 2016 über Vereinheitlichung, kam aber zum Schluss: «in weiter Ferne» (NZZ, 2017a). Der Schweizer Bildungsföderalismus mit «26 Kantone, 26 Verfahren» wird auf absehbare Zeit Realität bleiben.
Was können Familien und Schülerinnen und Schüler in dieser Situation tun? Die ernüchternde Wahrheit: Der Wohnort, die soziale Herkunft und die finanziellen Ressourcen der Familie beeinflussen die Gymnasium-Chancen massiv – unabhängig vom Aufnahmeverfahren. Wer in einem Prüfungskanton lebt, braucht gründliche Vorbereitung. KI-gestützte Plattformen wie GoGymi bieten eine deutlich kostengünstigere Alternative zu traditionellen Kursen und ermöglichen flexible, individualisierte Vorbereitung. Die Forschung zeigt aber auch: Nachhilfe wirkt wie «Doping» – nur nachhaltig ist die Vorbereitung, die tatsächliches Verständnis aufbaut, nicht nur Prüfungstechniken trainiert (Watson, 2018).
Der Kern des Problems liegt jedoch tiefer, wie Prof. Andrea Lanfranchi zusammenfasst: «De facto steht bis heute kein gerechtes Aufnahmeverfahren zur Verfügung, weder in Zürich noch in Bern» (Der Bund, 2018). Die wirklichen Ungleichheiten beginnen viel früher – in Familien, Kindergärten und Primarschulen – und bestehen unabhängig vom Selektionsmechanismus fort. Die Frage ist nicht, welches System perfekt ist, sondern welches das einzigartige schweizerische Bildungsökosystem am besten bedient und dabei individuellen Schülerinnen und Schülern den geringsten Schaden zufügt.
Für Schülerinnen und Schüler im Kanton Zürich bleibt die ZAP Realität. Eine gründliche, verständnisorientierte Vorbereitung in Mathematik und Deutsch – sei es durch Schulkurse, Selbststudium mit digitalen Tools oder gezielter Nachhilfe – bleibt unerlässlich. Plattformen wie GoGymi können dabei helfen, diese Vorbereitung zugänglicher, standardisierter und erschwinglicher zu machen. Ob sie tatsächlich Chancengleichheit fördern, hängt letztlich davon ab, ob die Politik begleitende Massnahmen ergreift, um digitale und soziale Gräben zu überbrücken – oder ob der freie Markt weiterhin das Bildungssystem prägt.
Literaturverzeichnis
Bildungsrat Kanton Zug (2024). Beschluss zur Einführung einer Übertrittsregelung Primarstufe – Langzeitgymnasium. Direktion für Bildung und Kultur, Kanton Zug.
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