
Gymnasium-Aufnahme: Meritokratie, Chancengerechtigkeit und KI
Die Schweizer Gymnasiallandschaft erlebt immer wieder intensive Debatten über Aufnahmeverfahren. Im Zentrum steht der Kanton Zug, wo erstmals seit 1993 Aufnahmeprüfungen eingeführt werden sollen (Zuger Zeitung, 2024a) – ein Entscheid, der eine breite politische Gegeninitiative ausgelöst hat. Gleichzeitig zeigen neue Daten aus Zürich, dass trotz Reformen die Erfolgsquote bei der Zentralen Aufnahmeprüfung (ZAP) auf 47,5% gesunken ist (Lern-Forum, 2024). Diese Entwicklungen werfen grundlegende Fragen auf: Welches Aufnahmesystem ist gerechter: Prüfung oder Noten? Und können KI-gestützte Lernplattformen wie GoGymi tatsächlich zur Chancengleichheit beitragen?
Der Zuger Präzedenzfall: Ein Kanton im Aufruhr
Der Kanton Zug steht 2024 vor einer bildungspolitischen Zeitenwende. Nach über 30 Jahren prüfungsfreiem Übertritt ans Langzeitgymnasium hat der Bildungsrat im November 2024 neue Aufnahmeregeln verabschiedet, die ein «Ampelsystem» mit drei Elementen einführen: Vornoten (mindestens 5.25), Lehrerempfehlung und neu ein standardisiertes Testelement (mindestens 4.5) (Bildungsrat Kanton Zug, 2024). Der Entscheid erfolgte gegen massiven Widerstand – eine Bürgerinitiative mit breiter politischer Unterstützung (FDP, SP, Alternative, Grüne, CSP) hat die erforderlichen Unterschriften gesammelt und wird die Sache möglicherweise vors Volk bringen (Zuger Zeitung, 2024b).
Bildungsdirektor Stephan Schleiss (SVP) argumentiert, das neue System sei notwendig, um die Sekundarschule zu stärken und den «Referenzgruppeneffekt» zu bekämpfen – das Phänomen, dass Schüler in objektiv schwächeren Klassen höhere Noten erhalten als gleich fähige Schüler in stärkeren Klassen. Mit einer Gymiquote von 23,4% (in der Stadt Zug sogar 37%) fürchtet die Regierung eine Aushöhlung der Berufsbildung und verweist auf sinkende Lehrlingszahlen, besonders bei Mädchen (Zuger Zeitung, 2023). Die jährlichen Kosten des neuen Systems: CHF 445’000 (Bildungsrat Kanton Zug, 2024).
Die Gegenseite kontert mit harten Fakten: Zuger Maturanden schneiden schweizweit ausgezeichnet ab, sogar besser als Zürcher Studierende. Die Abbruchquoten sind tief, und Primarschullehrpersonen kennen ihre Schülerinnen und Schüler über Jahre hinweg besser als jede Momentaufnahme. «Das ist fast schon ein Armutszeugnis. Der Rat sollte doch die Weichen in der Bildung stellen», kritisierte Vroni Straub-Müller (CSP), Co-Präsidentin des Initiativkomitees (Zuger Zeitung, 2024c). Neun von elf Gemeinden und der Lehrerverein stehen hinter der Initiative. Ihre Befürchtung: Prüfungen verstärken soziale Ungleichheit, da wohlhabende Familien sich teure Vorbereitungskurse (CHF 6’000+) leisten können (Watson, 2023a).
Der Ausgang dieser Auseinandersetzung wird schweizweit Signalwirkung haben. Falls Zug das Prüfungssystem einführt, könnte dies weitere notenbasierte Kantone unter Druck setzen. Scheitert der Vorstoss, wäre dies eine Bestätigung für notenbasierte Verfahren (NZZ, 2024a).
Zürich 2024: Sinkende Erfolgsquoten trotz Reformen
Im Kanton Zürich, dem grössten Prüfungskanton, absolvierten im März 2025 insgesamt 8’695 Schülerinnen und Schüler die ZAP 1 und 2 für das Gymnasium (Kanton Zürich, 2025). Die Erfolgsquote sank auf 47,5% (2023: 49,6%). Für das Langzeitgymnasium lag sie bei 53,6%, für das Kurzzeitgymnasium bei nur 39,3%. Die stabile Gymiquote von rund 14,8-15% verschleiert jedoch dramatische regionale Unterschiede: Im wohlhabenden Bezirk Meilen versuchen 40,5% die Prüfung, wovon 53,1% bestehen. Im ländlichen Bezirk Andelfingen hingegen wagen nur 12,2% den Schritt, erreichen aber eine Erfolgsquote von 52%.
Die 2022-Reform hat das System grundlegend verändert. Seit August 2022 werden nur noch zwei Fächer geprüft – Deutsch (Aufsatz und Sprachbetrachtung) und Mathematik. Französisch wurde als Prüfungsfach gestrichen. Zudem flossen erstmals beim Kurzgymnasium die Vornoten zu 50% ein, was die Abhängigkeit von der Tagesform reduzieren soll. Die Bestehensgrenze wurde von 4.5 auf 4.75 erhöht (mit Vornoten) (Kanton Zürich, 2022). Mündliche Prüfungen wurden abgeschafft.
Die Universität Zürich evaluiert diese Reformen wissenschaftlich bis mindestens 2025. Erste Ergebnisse zeigen: 92,8% der zugelassenen Langgymnasiasten bestehen die Probezeit (Kurzgymnasium: 88,8%), was laut Bildungsdirektion die Validität des Auswahlverfahrens bestätigt (Watson, 2024). Kritiker wie Prof. Margrit Stamm halten dagegen: «Das Gymnasium ist in den vergangenen Jahren zu einem Hype geworden» und warnen vor einer Nachhilfeindustrie, die Chancengleichheit untergrabe (SRF, 2024a).
26 Kantone, 26 Systeme: Der Schweizer Bildungsföderalismus
Die Schweiz kennt drei Hauptmodelle für den Gymnasiumzugang, die zu dramatisch unterschiedlichen Gymiquoten führen – von 12,7% (St. Gallen) bis 48,6% (Genf im Jahr 2018) (Watson, 2024).
Obligatorische Prüfungssysteme (9 Kantone):
Zürich, Thurgau, Schwyz, St. Gallen, Schaffhausen, Graubünden, Glarus, beide Appenzell.
Diese Kantone östlich der Reuss setzen auf schriftliche Aufnahmeprüfungen in Deutsch, Mathematik und teils Fremdsprachen. Sie weisen generell tiefere Gymiquoten auf, aber auch bessere Universitätsleistungen: Gemäss EVAMAR-II-Studie liegen in Prüfungskantonen weniger als 5% der Gymnasiasten unter dem erforderlichen PISA-Kompetenzniveau, in Notenkantonen sind es über 25% (Eberle, 2022).
Notenbasierte Systeme (15 Kantone):
Bern, beide Basel, Jura, Neuenburg, Luzern, Nidwalden, Obwalden, Solothurn, Tessin, Uri, Wallis, Waadt, Aargau, Zug, Freiburg, Genf.
Hier entscheiden Vornoten und Lehrerempfehlungen. Die Gymiquoten sind deutlich höher, aber auch die Abbruchraten: In Genf brechen rund 50% der Eingetretenen das Gymnasium ab, im Tessin über 40% (NZZ, 2017a).
Mischsysteme (4+ Kantone):
Bern, Freiburg, Basel-Stadt, Solothurn bieten primär notenbasierten Zugang, aber eine freiwillige Prüfung als Alternative. Aargau ermöglicht die Prüfung erst ein Jahr nach der Bezirksschule (Kanton Aargau, 2024).
Eine Universität St. Gallen-Studie (2003-2012, n=5’914) zeigt: Studierende aus Kantonen mit hoher Gymiquote haben einen um 0,27 tieferen GPA. Dies ist ein statistisch signifikanter, wenn auch schwacher Effekt (Zumbühl et al., 2024). Bildungsökonom Stefan Wolter formuliert es zugespitzt: «Die soziale Ungerechtigkeit scheint in Systemen ohne Prüfung eher grösser als kleiner zu sein» (Der Bund, 2018). Der Grund: Akademikereltern können in notenbasierten Systemen ihren Einfluss besser geltend machen, während Prüfungen einen objektiveren Standard bieten.
Die soziale Dimension: Wer schafft es ans Gymnasium?
Die Forschung ist eindeutig: Kinder aus der obersten sozioökonomischen Schicht haben eine 20 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit, eine Universität zu besuchen, als Kinder aus der untersten Schicht – selbst bei identischen Schulnoten, gleicher Schulstufe und gleichen PISA-Resultaten (Combet, 2021). Ohne diese Kontrollen beträgt der Unterschied 34 Prozentpunkte.
Der SKBF-Trendbericht Nr. 9 (2005) «Chancengerechtigkeit im schweizerischen Bildungswesen» dokumentiert, dass sozioökonomischer Status und Migrationshintergrund die Wahrscheinlichkeit, einem höheren Schultyp zugewiesen zu werden, unabhängig von der Leseleistung signifikant beeinflussen (SKBF, 2005). Eine Studie von Haeberlin, Imdorf und Kronig (2004) mit 1’367 Sechstklässlern zeigt das Ausmass der Diskriminierung: Bei durchschnittlicher Leistung erhält ein Schweizer Mädchen mit 83% Wahrscheinlichkeit eine Empfehlung fürs Gymnasium, ein Junge mit Migrationshintergrund aber nur mit 37% Wahrscheinlichkeit (zitiert in SJER, 2016).
Auch die geografische Herkunft spielt eine massive Rolle. In Zürichs Goldküste (2014-2017) erreichten fast 50% die gymnasiale Matura, im ländlichen Fischenthal nur einer von 30. Dies ist ein Faktor von 15 innerhalb desselben Kantons (NZZ, 2018). Prof. Benita Combet (Uni Bern) urteilt: «Die Gymiprüfung dient primär der sozialen, nicht der kognitiven Selektion» (ZS Online, 2023).
Welches Aufnahmesystem verstärkt diese Ungleichheit stärker? Die Antwort ist ernüchternd: Beide. Prof. Regula Leemann (PH FHNW) stellt fest: «Es gibt KEINE Evidenz oder verlässlichen Resultate, welches Verfahren zu mehr oder weniger Ungleichheit führt» (SRF, 2020). Prüfungssysteme begünstigen Familien, die sich teure Vorbereitungskurse leisten können. Notensysteme begünstigen Akademikereltern, die ihre Einflussmöglichkeiten besser nutzen und Lehrpersonen stärker unter Druck setzen können. Eine Berner Studie zeigt: 37% erreichen das Gymnasium über die Prüfung, obwohl sie keine Lehrerempfehlung hatten – ein Hinweis auf erhebliche Fehleinschätzungen (Der Bund, 2018).
Die Rolle der Vorbereitungsindustrie
Die Nachhilfe- und Vorbereitungsindustrie ist zu einem zentralen Faktor geworden. Rund 40% der Schweizer Jugendlichen nutzen bezahlte Nachhilfe für den Übertritt in die Sekundarstufe II, insbesondere fürs Gymnasium und sie kommen überproportional aus privilegierten Elternhäusern (Chancengerechtigkeit.ch, 2024). In Zürich kostet ein semesterlanges Vorbereitungspaket bei etablierten Anbietern wie LearningCulture, Gymivorbereitung Zürich (GVZH) oder Logos Lehrerteam zwischen CHF 2’500 und 4’000. Private Einzelnachhilfe schlägt mit CHF 50-80 pro 45 Minuten zu Buche (LearningInstitute, 2024). Familien, die umfassende Vorbereitung wünschen, investieren leicht CHF 5’000-8’000 (Watson, 2023a).
Die Branche boomt. Perspectiva Nova, ein Anbieter von Hausunterricht für CHF 6’160 (22-Wochen-Kurs), meldete 2024 eine Verdoppelung der Anmeldungen gegenüber dem Vorjahr und damals bereits Buchungen für die Prüfungen 2025 und 2026. Geschäftsführer Elisha Jay Fringer wird in der Presse mit den Worten zitiert: «Ohne einen guten Vorbereitungskurs ist die Aufnahmeprüfung eigentlich nicht zu schaffen» (Watson, 2023a).
Doch helfen diese Kurse tatsächlich? Eine Studie von Franz Eberle zum Kanton Graubünden kommt zum differenzierten Schluss: «Die generelle Hypothese, dass der Prüfungserfolg von Vorbereitungskursen abhängt, ist in dieser Absolutheit nicht haltbar» (Eberle, 2022). Der Erfolg hänge letztlich von den Fähigkeiten und der Motivation der Kandidaten ab. Nur Schüler, die überhaupt keine Hilfe erhielten (auch nicht von Eltern oder Lehrpersonen), hatten deutlich geringere Chancen – aber das betraf nur 21 von 492 untersuchten Kandidaten. Allerdings räumt Eberle ein: «Im Kanton Zürich sind die Verhältnisse andere», da die Konkurrenz viel grösser und die Plätze limitiert seien.
Prof. Stefan Wolter formuliert drastisch: «Nachhilfe ist Doping» (Watson, 2018). Kinder, die nur dank Nachhilfe ins Gymnasium kämen, scheiterten später oft in der Probezeit oder müssten repetieren. Eine Studie von Hans-Ulrich Grunder (PH FHNW) mit 10’700 Fünft- bis Neuntklässlern bestätigt: «Nachhilfe hilft kaum» – temporär mögen sich Noten verbessern, nachhaltig sei der Effekt aber nicht ohne erneute Unterstützung (WirEltern, 2024).
Erfolgsquoten und Statistiken
Die Erfolgsquoten bei der Zürcher Gymiprüfung bewegen sich seit Jahren um 50% für das Langzeitgymnasium. Konkret für 2024/25:
- Langgymnasium:
4’562 Kandidaten, 53,6% Erfolgsquote, 14,9% der gesamten Sechstklässler-Kohorte (16’342 Kinder) schafften den Eintritt - Kurzgymnasium:
4’133 Kandidaten mit historisch tieferen Erfolgsquoten (2024: 39,3%) - Fachmittelschule:
1’199 Prüfungen, 56,5% bestanden - Berufsmaturität BM1:
2’046 Prüfungen, 74,2% bestanden (deutlicher Anstieg gegenüber 65,2% im Vorjahr)
Die Probezeit-Erfolgsquoten sind erfreulich hoch und steigend: 92,8% beim Langgymnasium (2023/24: 92,0%), 88,8% beim Kurzgymnasium (2023/24: 88,3%). Dies deutet darauf hin, dass die ZAP durchaus valide ist in der Identifikation geeigneter Kandidaten – oder dass nur die am besten Vorbereiteten überhaupt antreten.
Im interkantonalen Vergleich zeigt sich die enorme Bandbreite:
- Höchste Gymiquoten: Genf 48,6% (2018), Tessin 28-29%, Basel-Stadt 26,1%, Waadt 24-25%
- Tiefste Gymiquoten: Uri 12,8%, Glarus 13,1%, St. Gallen 12,7%, Schaffhausen 12,9%
- Schweizer Durchschnitt: 19,9-20,2% (gymnasiale Matura), hinzu kommen 14,2% Berufsmatura
Entscheidend ist: Hohe Eintrittsquoten bedeuten nicht automatisch hohe Abschlussquoten. In Genf brechen rund 50% ab, im Tessin über 40%. Die Universität St. Gallen-Studie zeigt: Eine 10%ige Erhöhung der kantonalen Gymiquote korreliert mit einem 0,27-Punkte-Rückgang beim GPA.
Franz Eberle und die Expertenmeinungen
Prof. Franz Eberle, emeritierter Professor für Gymnasial- und Wirtschaftspädagogik der Universität Zürich (früher Lehrer an der Kantonsschule Zug), ist der meistzitierte Experte in der aktuellen Debatte. Seine Graubünden-Studie 2021-2022 liefert die wissenschaftlich fundierteste Grundlage für Aufnahmeentscheidungen (Eberle, 2022).
Eberles zentrale Empfehlung:
Ein kombiniertes System aus Aufnahmeprüfung und Vornoten schafft die fairsten Selektionsbedingungen. Dies reduziere die Abhängigkeit von der Tagesform und biete einen objektiven Massstab, ohne die längerfristige Schulleistung zu ignorieren. Notensysteme seien anfällig für Klassenunterschiede und Elterndruck; reine Prüfungssysteme zu sehr von einem einzigen Tag abhängig (Gymnasium Helveticum, 2025).
Eberle räumt allerdings ein: «Herkunftseffekte lassen sich mit keinem der üblichen Aufnahmeverfahren eliminieren.» Sowohl primäre Effekte (bessere Unterstützung durch gebildete Eltern) als auch sekundäre Effekte (unbewusste Bevorzugung durch Lehrpersonen) bestehen in allen Systemen fort (Eberle, 2022).
Gymnasium-Aufnahme: Meritokratie, Chancengerechtigkeit und KI
Prof. Elsbeth Stern (ETH Zürich), Lernforscherin, vertritt eine kontroverse Position: Sie fordert IQ-Tests als Ergänzung zu Aufnahmeprüfungen. Ihre Studien zeigen, dass 45% der Schweizer Gymnasiasten den IQ-Schwellenwert von 112 (oberste 20%) nicht erreichen, einzelne sogar IQ 80 aufweisen. «Rund 30 Prozent der Kinder im Gymnasium gehören nicht dahin», so Stern (NZZ, 2022b; Tages-Anzeiger, 2019). Gleichzeitig kritisiert sie, dass intelligente Kinder aus sozial schwachen Schichten zu selten ans Gymnasium gelangen. Ihre Lösung: Alle Kinder mit guten Primarschulnoten sollten staatlich finanzierte Vorbereitung durch ausgebildete Lehrpersonen erhalten, kommerzielle Vorbereitungskurse abgeschafft werden (Fritz+Fränzi, 2014).
Prof. Urs Moser (Uni Zürich), Direktor des Instituts für Bildungsevaluation, nimmt eine kontextabhängige Position ein: In Kantonen mit hohem Elterndruck (wie Zürich) diene die Prüfung als wichtiger «ausgleichender Faktor zum elterlichen Powerplay». In der Zentralschweiz hingegen funktionierten Lehrerempfehlungen gut (NZZ, 2018). Seine 2009-AKF-Teststudie zeigt: Intelligenz sei keine unveränderliche Grösse, sondern werde von Geburt an beeinflusst – weshalb frühe Förderung entscheidender sei als Selektionsmechanismen.
Bildungsökonom Stefan Wolter plädiert für standardisierte, extern gestaltete, anonym absolvierte Aufnahmeprüfungen in Kombination mit Vornoten. Systeme, in denen nur Noten und Lehrerempfehlungen entscheiden, sieht er kritisch: «Hier ist die Gefahr gross, dass die Lehrperson – bewusst oder unbewusst – von der sozialen Herkunft beeinflusst wird» (Watson, 2018). Seine repräsentativen Befragungen zeigen: Eine grosse Mehrheit der Bevölkerung wünscht Prüfungen als Zutrittskriterium – mit Ausnahme von Akademikerinnen und Akademikern.
Die Zug-Debatte im Detail
Die Zuger Diskussion ist ein Lehrbuchbeispiel für den Konflikt zwischen pädagogischer Expertise, politischem Willen und gesellschaftlichen Wertvorstellungen.
Bildungsrat und Regierungsrat stützen sich auf Eberles Forschung und argumentieren, das dreigliedrige System (Vornoten + Empfehlung + Test) sei wissenschaftlich fundiert. Sie betonen den «Zuger Weg» als Kompromiss: Der Übertritt nach der Sekundarschule (Kurzzeitgymnasium) bleibe prüfungsfrei, nur beim Langzeitgymnasium komme das Testelement hinzu. Zudem würden kostenlose viertägige Vorbereitungskurse in allen Gemeinden angeboten, um Chancengleichheit zu sichern. Die Kosten seien mit CHF 445’000 jährlich vertretbar angesichts des bildungspolitischen Nutzens.
Die breite Gegnerallianz kontert mit praktischen Argumenten: Das bestehende System funktioniere hervorragend, wie die ausgezeichneten Universitätsleistungen der Zuger Maturanden bewiesen. Die Einführung von Prüfungen löse die tatsächlichen Probleme nicht, sondern schaffe neue: enormen Stress für Zwölfjährige, eine Nachhilfeindustrie wie in Zürich, und systematische Benachteiligung von Kindern aus bildungsfernen oder finanzschwachen Familien. Vier Halbtage kostenlose Vorbereitung könnten nie kompensieren, was wohlhabende Familien mit monatelangen Privatkursen für CHF 6’000+ erreichten.
Besonders brisant: Neun von elf Gemeinden – die die Kosten mittragen müssten – lehnen das Vorhaben ab. Der Lehrerinnen- und Lehrerverein (LVZ) steht mit überwältigender Mehrheit in Opposition. Nationalrätin Manuela Weichelt und andere prominente Politikerinnen unterstützen die Initiative.
Das Ergebnis wird voraussichtlich 2026 feststehen, nach Kantonsratsdebatte und möglicher Volksabstimmung. Bei Annahme würde das neue System erst 2028/29 in Kraft treten. Der Ausgang hat Signalwirkung für die ganze Schweiz: Ist Zug der letzte Dominostein, der zu Prüfungssystemen kippt? Oder markiert die Initiative einen Wendepunkt hin zu mehr Vertrauen in Lehrpersonen und kontinuierliche Beurteilung?
KI-gestützte Lernplattformen: Demokratisierung oder neues Privileg?
Die Rolle von KI-gestützten Lernplattformen bei der Gymiprüfungsvorbereitung ist eine der spannendsten aktuellen Entwicklungen. GoGymi, 2016 von Jan Bühlmann gegründet, ist die führende Schweizer KI-Plattform speziell für die Zürcher Gymiprüfung (Tages Anzeiger, 2025).
Verspricht dies Chancengleichheit? Gründer Jan Bühlmann positioniert GoGymi explizit als Tool für «Chancengerechtigkeit» und betont die Standardisierung von Lernmaterialien, die bisher zwischen Schulen stark variierten und Schüler in unter-ressourcierten Schulen benachteiligten. Der 24/7-Zugang zu KI-Tutoren könne Kindern helfen, deren Eltern sich keine Privatnachhilfe leisten können oder keine Zeit haben, bei Hausaufgaben zu unterstützen (nau.ch, 2023).
Doch die kritischen Stimmen sind laut. Bildungsforscher Marc Eyer (PH Bern) warnt, grosse Technologiekonzerne im Bildungsbereich priorisierten «Bildschirmzeit, Datensammlung und Umsatz» über tatsächliche Lernergebnisse. Wolfgang Spahn (PH Bern) stellt fest, aktuelle KI-Anwendungen könnten «noch nicht Lernende bilden» – wirklich bildende KI-Tutoren seien «Zukunftstechnologie» (SRF, 2024b).
Die fundamentale Gerechtigkeitsfrage bleibt ungelöst: Während GoGymi mit rund 95% Kostenreduktion gegenüber traditionellen Kursen ein verlockendes Angebot macht, nutzen wohlhabende Familien die Plattform zusätzlich zu teuren Privatstunden und verstärken damit ihren Vorteil. Benachteiligte Familien hingegen fehlen möglicherweise Geräte, Internetverbindung, digitale Kompetenz oder die ergänzende Unterstützung, um KI-Tools effektiv zu nutzen.
Alternative Ansätze existieren: Der Verein Chance Wiedikon bietet kostenlose Vorbereitungskurse gezielt für Kinder aus Migrations- und einkommensschwachen Familien in spezifischen Zürcher Quartieren. Das QUIMS-Programm (Qualität in multikulturellen Schulen) unterstützt 119 Schulen mit über 40% Migrantenanteil (Limmattaler Zeitung, 2019). Im Juli 2023 reichten drei Kantonsrätinnen (Jacqueline Peter-SP, Sabine Wettstein-FDP, Corinne Thomet-CVP) eine formelle Anfrage zur Bildungsgerechtigkeit ein und erwägen obligatorische kostenlose Vorbereitungskurse an allen Schulen.
Prof. Regula Leemann bringt es auf den Punkt: «Man müsste die Prüfungsindustrie demokratisieren, d.h. diese private Vorbereitung auf Aufnahmeprüfungen zugänglich machen für alle» (SRF, 2020). Doch der politische Wille für flächendeckende öffentliche Lösungen fehlt bislang, denn der Kanton Zürich empfiehlt schulbasierte Kurse, finanziert sie aber nicht.
Ausblick: Wohin steuert die Schweizer Gymnasiallandschaft?
Die Debatte um Gymnasium-Aufnahmeverfahren wird die Schweizer Bildungspolitik auch 2025 und darüber hinaus prägen.
Drei zentrale Entwicklungen zeichnen sich ab:
Erstens die Zug-Entscheidung als Präzedenzfall. Wird Zug trotz funktionierendem System Prüfungen einführen, könnte eine Dominowelle andere notenbasierte Kantone erfassen. Setzt sich die Bürgerinitiative durch, wäre dies ein Signal für mehr Vertrauen in Lehrpersonen und eine Absage an Quotensteuerung durch Prüfungen (NZZ, 2024a).
Zweitens die fortschreitende Digitalisierung und KI-Integration. Die wissenschaftliche Evaluation von Plattformen wie GoGymi wird zeigen, ob KI-Tutoren tatsächlich Lernen fördern oder nur Scheinaktivität erzeugen. Die Uni Bern, PH Bern und PH Zürich erforschen intensiv, wie KI im Klassenzimmer sinnvoll eingesetzt werden kann (PH Zürich, 2024). Entscheidend wird sein, ob digitale Tools zur Demokratisierung oder zur Vertiefung bestehender Ungleichheiten beitragen.
Drittens die wachsende Evidenz für strukturelle Reformen. Forschung aus Skandinavien zeigt: Spätere Selektion (nach Klasse 9 statt 6) reduziert soziale Ungleichheit signifikant. Der Verband Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz (VSLCH) fordert genau dies. Prof. Stefan Wolter ist eindeutig: «Die Forschungsliteratur lässt keinen Zweifel daran, dass Schülerinnen und Schüler bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit in durchmischten Klassen bleiben sollten. Das Langzeitgymnasium schadet der Chancengleichheit eher» (Watson, 2018).
Doch politischer Widerstand ist massiv. Prof. Stefan Wolter erklärt: «Vor allem Eltern, deren Kinder in der Schule gut sind – oder die das zumindest glauben. Sie befürchten, schwächere Mitschüler würden die Leistungsentwicklung ihrer Kinder bremsen» (Watson, 2018). Diese Angst sei gemäss Studien vollständig unbegründet – starke Schüler würden nicht gebremst, schwache profitierten aber enorm von heterogenen Klassen.
Harmonisierung bleibt in weiter Ferne. Die EDK (Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren) diskutierte 2016 über Vereinheitlichung, kam aber zum Schluss: «in weiter Ferne» (NZZ, 2017a). Der Schweizer Bildungsföderalismus mit «26 Kantone, 26 Verfahren» wird auf absehbare Zeit Realität bleiben.
Was können Familien und Schülerinnen und Schüler in dieser Situation tun? Die ernüchternde Wahrheit: Der Wohnort, die soziale Herkunft und die finanziellen Ressourcen der Familie beeinflussen die Gymnasium-Chancen massiv – unabhängig vom Aufnahmeverfahren. Wer in einem Prüfungskanton lebt, braucht gründliche Vorbereitung. KI-gestützte Plattformen wie GoGymi bieten eine deutlich kostengünstigere Alternative zu traditionellen Kursen und ermöglichen flexible, individualisierte Vorbereitung. Die Forschung zeigt aber auch: Nachhilfe wirkt wie «Doping» – nur nachhaltig ist die Vorbereitung, die tatsächliches Verständnis aufbaut, nicht nur Prüfungstechniken trainiert (Watson, 2018).
Der Kern des Problems liegt jedoch tiefer, wie Prof. Andrea Lanfranchi zusammenfasst: «De facto steht bis heute kein gerechtes Aufnahmeverfahren zur Verfügung, weder in Zürich noch in Bern» (Der Bund, 2018). Die wirklichen Ungleichheiten beginnen viel früher – in Familien, Kindergärten und Primarschulen – und bestehen unabhängig vom Selektionsmechanismus fort. Die Frage ist nicht, welches System perfekt ist, sondern welches das einzigartige schweizerische Bildungsökosystem am besten bedient und dabei individuellen Schülerinnen und Schülern den geringsten Schaden zufügt.
Für Schülerinnen und Schüler im Kanton Zürich bleibt die ZAP Realität. Eine gründliche, verständnisorientierte Vorbereitung in Mathematik und Deutsch – sei es durch Schulkurse, Selbststudium mit digitalen Tools oder gezielter Nachhilfe – bleibt unerlässlich. Plattformen wie GoGymi können dabei helfen, diese Vorbereitung zugänglicher, standardisierter und erschwinglicher zu machen. Ob sie tatsächlich Chancengleichheit fördern, hängt letztlich davon ab, ob die Politik begleitende Massnahmen ergreift, um digitale und soziale Gräben zu überbrücken – oder ob der freie Markt weiterhin das Bildungssystem prägt.
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